Ich gehe weiter, überquere Straßen, folge dem Strom der Menschen und plötzlich öffnet sich der Raum. Der Petersplatz liegt vor mir, weit und zugleich umarmend. Die geschwungenen Kolonnaden wirken wie offene Arme, die Pilger, Reisende, Suchende und Neugierige aufnehmen. Für einen Moment bleibe ich einfach stehen und schaue. Dieser Platz braucht keine Erklärung. Während ich über den Petersplatz gehe, wird mir bewusst, dass ich mich hier in einem eigenen Staat befinde dem kleinsten der Welt und doch einem der einflussreichsten. Hinter den Mauern des Vatikans geht es nicht nur um Spiritualität, sondern auch um Entscheidungen, Diplomatie, Verantwortung und manchmal auch um Konflikte, die weit über Rom hinausreichen. Der Papst ist hier nicht nur religiöses Oberhaupt, sondern auch Staatsoberhaupt, Symbolfigur, Hoffnungsträger für viele und gleichzeitig Projektionsfläche für Kritik. Diese Gleichzeitigkeit spürt man, auch wenn niemand darüber spricht. Ich denke daran, wie viele Päpste im Lauf der Jahrhunderte hier gelebt haben einige verehrt wie Heilige, andere verstrickt in Machtspiele, Politik oder persönliche Schwächen. Der Vatikan trägt beides in sich: tiefe Spiritualität und sehr menschliche Geschichte. Vielleicht macht gerade das seine Schwere aus. Heiligkeit ist hier kein glatter Zustand, sondern etwas, das sich immer wieder durch Fehler hindurch behaupten muss.
Langsam gehe ich auf den Petersdom zu. Schon von außen wirkt er gewaltig, doch im Inneren verändert sich jedes Gefühl von Größe noch einmal. Die Kuppel scheint fast schwerelos über mir zu schweben, Licht fällt durch hohe Fenster, Stimmen werden zu einem leisen Murmeln. Menschen fotografieren, beten, flüstern und doch entsteht eine gemeinsame Stille, die niemand bewusst macht und die trotzdem da ist. Ich setze mich einen Moment. Nicht aus Müdigkeit, sondern weil dieser Raum Zeit verlangt. Hier geht es nicht um Schnelligkeit. Alles wirkt größer als der einzelne Mensch und gleichzeitig fühlt man sich nicht verloren, sondern gehalten.
Im Petersdom verdichtet sich diese Spannung. Unter dem großen Altar liegt das Grab des Apostels Petrus, auf den sich die gesamte päpstliche Tradition beruft. Von hier aus wurde über Jahrhunderte hinweg die katholische Kirche gelenkt, wurden Dogmen formuliert, Kriege gesegnet, Frieden gefordert, Menschen getröstet. Wenn ich dort sitze, spüre ich nicht nur Glauben, sondern Verantwortung die Last von zweitausend Jahren Entscheidungen. Gleichzeitig existiert hinter den sichtbaren Mauern ein fast unscheinbarer Alltag. Archive voller Dokumente, die Jahrhunderte Menschheitsgeschichte bewahren. Räume, in denen Theologen ringen, formulieren, zweifeln. Begegnungen zwischen Kirchenvertretern und Politikern aus aller Welt. Der Vatikan ist nicht nur Vergangenheit er wirkt bis heute in globale Fragen hinein: Frieden, Armut, Migration, Ethik, Bewahrung der Schöpfung. Still, diplomatisch, oft im Verborgenen. Und doch bleibt mitten in all dem etwas sehr Zartes. Menschen, die einfach nur eine Kerze anzünden. Eine Mutter, die für ihr Kind betet. Ein alter Mann, der lange schweigend sitzt. Diese leisen Gesten tragen vielleicht mehr Wahrheit in sich als jede große Rede vom Balkon des Petersdoms.
Später gehe ich weiter in die Vatikanischen Museen. Räume voller Kunst, endlose Gänge, Bilder, Skulpturen, Farben und Schönheit in einer Dichte, die fast überwältigt. Und dann die Sixtinische Kapelle. Ich hebe den Blick zur Decke, sehe die vertrauten Szenen und merke doch, dass kein Foto dieser Welt das wirkliche Erleben ersetzen kann. Für einen Augenblick verstummen selbst die Gedanken. Als ich wieder nach draußen trete, liegt warmes Licht über dem Platz. Das Leben Roms wartet schon wieder, Straßen, Cafés, Stimmen und Bewegung. Ich spüre, dass der Weg noch nicht zu Ende ist. Jetzt zieht es mich zurück in die Stadt zu Plätzen voller Brunnen, zu Gassen, zu jenem leichten römischen Abend, der alles weich werden lässt.
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