Frauen in Sri Lanka

 

Ich erinnere mich nicht nur an Tempel, Landschaften und weite Horizonte in Sri Lanka.
Was sich viel tiefer in mir eingeprägt hat, sind die Frauen dieses Landes.

Ich habe Frauen gesehen, die früh am Morgen ihre kleinen Läden öffnen, still, konzentriert, mit einer Selbstverständlichkeit. Frauen, die Stoffe zuschneiden, nähen, handeln und organisieren manche von ihnen haben mit wenig begonnen und Schritt für Schritt ihre eigene kleine Stofffabrik aufgebaut. Aus etwas Zartem ist Stärke geworden, aus einer Idee ein wachsendes Unternehmen. Und in ihren Augen liegt ein unglaublicher Stolz drüber den eigenen Weg gegangen zu sein.

In Kurunegala besuchen wir ein besonderes Frauenprojekt und begegneten dort einer Form von Kunst, die nicht nur schön, sondern auch zutiefst lebendig und tragbar ist. Unter dem Namen „Selyn“ entstehen aus handgewebten Stoffen und behutsam ausgewählten Recyclingmaterialien Kissen, Hemden, Schuhe und Schmuckstücke und Stoffe jedes einzelne gefertigt mit Sorgfalt, Geduld und spürbarer Hingabe. Während ich durch die Werkstatt gehe, erklärt mir eine Mitarbeiterin ruhig, in fließendem Deutsch und mit leuchtenden Augen, warum dieses Projekt in Sri Lanka einzigartig ist. Es gibt Frauen nicht nur Arbeit sondern Würde, Unabhängigkeit und eine echte Zukunft. In diesem Moment wird mir klar, dass hier weit mehr entsteht als schöne Dinge, hier wachsen Selbstvertrauen, Gemeinschaft und die leise Gewissheit, das eigene Leben aus eigener Kraft gestalten zu können.

Ich sehe Schulmädchen in ihren sauberen Uniformen, die Hefte fest an sich gedrückt, aufmerksam, fleißig und voller Zielstrebigkeit. Viele lernen mit einer Ernsthaftigkeit, die mich tief berührt, weil Bildung für sie kein selbstverständlicher Weg ist, sondern ein Schlüssel. Manche träumen davon, selbst einmal Lehrerin zu werden, Wissen weiterzugeben, Türen zu öffnen für die nächste Generation.

An den Universitäten studieren heute in vielen Bereichen mehr Frauen als Männer. Auch das erzählt leise von Veränderung, von Mut und von einem Land, in dem sich Tradition und Aufbruch gleichzeitig zeigen. Zwischen alten Tempelmauern wächst eine neue Zukunft, getragen von jungen Frauen, die lernen, fragen, denken und gestalten wollen.

Und doch ist es nicht nur die Leistung, die mich berührt, es ist ihre Haltung.

Frauen gehen mit erhobenem Kopf durch die Straßen, gekleidet in leuchtende, schillernde Farben, als wären sie selbst Teil dieser tropischen Landschaft. Saris in Rot, Türkis, Gold und tiefem Blau bewegen sich im Wind wie fließende Bilder. Schönheit wirkt hier nicht oberflächlich, sondern wie Würde, wie ein stilles Bekenntnis zum Leben selbst dort, wo der Alltag schwer ist.

Denn ich spüre auch die Last, die viele tragen. Verantwortung für Familie, Kinder, Arbeit und das alles zugleich. In vielen Familien kommt hinzu, dass Frauen noch mehr tragen müssen, weil Alkoholprobleme bei Männern im Land weit verbreitet sind und dadurch Verantwortung verschoben wird. So arbeiten viele Frauen nicht nur aus Wunsch nach Unabhängigkeit, sondern aus tiefer Notwendigkeit heraus, um ihre Familien zu versorgen und Stabilität zu halten. Und gerade in dieser stillen Selbstverständlichkeit zeigt sich eine Kraft, die mich tief berührt. Vieles geschieht ohne große Worte, ohne Klage, einfach weil es getan werden muss. Und gerade darin liegt eine Kraft, die mich still werden lässt.

Sri Lanka hat mir durch seine Frauen etwas gezeigt, das sich kaum erklären lässt.
Dass Würde nichts mit Reichtum zu tun hat, Hoffnung leise wachsen kann und dass wahre Stärke oft dort lebt, wo niemand hinschaut.

Wenn ich heute an dieses Land denke, sehe ich nicht nur Tempel aus Stein.
Ich sehe lächelnde Gesichter, Farben, Bewegungen und Frauen, die ihr Leben tragen, aufrecht, still und voller Licht. In diesem Lächeln liegt etwas, das mich tief berührt, denn viele von ihnen bewahren es selbst dort, wo das Leben schwer war, als würde darin eine leise, unerschütterliche Hoffnung weiterleben.

Ayurbowan Gabriele 🙏

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