Der Junge mit den Blumen

 

Wir fahren mit dem kleinen Bus langsam den Berg hinunter in den Ort.
Die Straße windet sich in engen Kurven talwärts, dichtes Grün liegt über den Hängen, und in der warmen Luft hängt diese stille, fast schläfrige Mittagsruhe, die es nur in den Bergen Sri Lankas gibt. Im Bus sprechen wir leise miteinander, schauen hinaus, jeder ein wenig in seine eigenen Gedanken versunken.

Dann sehe ich plötzlich einen Jungen, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, barfuß, mit einem Strauß bunter Blumen fest in der Hand. Er rennt wie ein wilder den Berg hinunter. Noch bevor ich richtig begreife, was geschieht, verschwindet er hinter einer Kurve. Wir alle schauen gespannt nach vorne, wird er wieder auftauchen?

Diese Kinder nennt man in Sri Lanka Blumenkinder, weil sie Lotus- oder Tempelblumen an Reisende verkaufen. Für viele Familien ist das kein Nebenbei, sondern ein kleiner Beitrag zum täglichen Überleben.

Die nächste Kurve kommt und tatsächlich da ist er wieder. Atemlos, staubig, aber unbeirrbar läuft er neben der Straße, schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Ein leises Raunen geht durch den Bus, fast wie bei einem stillen gemeinsamen Mitfiebern. Kurve um Kurve wiederholt sich dieses Bild. Jedes Mal verschwindet er kurz aus unserem Blickfeld. Und jedes Mal halten wir unwillkürlich den Atem an, schafft er es noch einmal? Dann springt er plötzlich entschlossen vor den Bus. Als gäbe es für ihn keinen anderen Weg, als gesehen zu werden.

Der Fahrer bremst leicht ab, fährt noch ein Stück weiter, und wieder rennt der Junge los, den Hang hinunter, quer durch Staub und Hitze, die Blumen fest an seine Brust gedrückt.
Ich spüre, wie in mir eine Mischung aus Bewunderung, Mitgefühl und stiller Achtung hochsteigt vor dieser unglaublichen Willenskraft. Erst nach mehreren Kurven halten wir schließlich wirklich an.
Der Junge tritt näher, außer Atem, die Haare nass vom Schweiß, aber in seinen Augen liegt etwas Helles. Er strahlt stolz über sein ganzes Gesicht indem die leise Hoffnung dass jemand seine Blumen kauft liegt.

Für einen kurzen Moment steht die Zeit still, Blumen wechseln die Hände, ein schüchternes Lächeln und ein Blick, der mehr sagt als Worte.

Dann fährt der Bus weiter. Der Junge bleibt zurück am Straßenrand, wieder Teil dieser Landschaft aus Grün, Staub und Sonne. Doch in mir läuft er bis heute weiter. Denn dieser Augenblick erzählt mehr über ein Land als viele Tempel und Sehenswürdigkeiten. Er erzählt von Mut, Würde und Hoffnung. Und davon, wie viel Kraft in einem einzigen kleinen Menschen stecken kann.

Ayurbowan Gabriele 🙏

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Kommentare

Georgette
Vor 3 Tage

Besser kann man diesen Blumenjungen nicht beschreiben.
Mich, als Mitreisende hat diesen Moment so gepackt, daß mir die Luft fast ausging, aus Angst um den Jungen, dessen Wille u. Kraft einfach unbeschreiblich waren