Die Legende von Raksha

 

Ich stand lange vor dieser Figur. Dieser Blick, der weit geöffnete Mund, die Kraft, die man fast körperlich spürte. In Sri Lanka begegnet man solchen Gestalten immer wieder an Tempeln. 

Man sagt, dieser Geist gehörte zu den Rakshas, uralten Wesen, die schon auf der Insel lebten, bevor Menschen ihre Felder bestellten und Tempel bauten. Er war kein gewöhnlicher Dämon, ursprünglich war er ein Hüter der Natur, zuständig für das Wasser, für Quellen, Regen und Flüsse. Seine Aufgabe war es, das Lebenselixier zu bewahren. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas in ihm. Aus Hüten wurde Besitzen, aus Bewahren wurde Kontrolle.

Der Geist begann, das Wasser zu horten. Er sperrte es ein, tief im Inneren der Berge, im Bauch der Erde. Der Regen blieb aus, Quellen versiegten, Flussbetten vertrockneten und Reisfelder rissen auf sodass der Reis vertrocknete. Die Dürre kam nicht plötzlich, sondern schleichend und mit ihr Angst, Hunger und Verzweiflung. Die Menschen beteten, opferten und hofften. Doch der Geist nährte sich von ihrem Leid, je größer die Not, desto mächtiger wurde er.

Sein Bild erzählt davon, der große Mund steht für das Verschlingen des Lebens, die weit aufgerissenen Augen für das ständige Wachen über seine Beute. Wasser bedeutete Macht und Macht wollte er nicht mehr teilen.

Nach langer Zeit, so erzählt man, griff eine größere Kraft ein. Manche sprechen von Göttern, andere davon, dass die Erde selbst den Schmerz nicht länger ertragen konnte. Der Fels brach auf und das gehortete Wasser fand seinen Weg zurück. Es stürzte ins Land, wurde zu Flüssen, Seen und Wasserfällen. Die Dürre endete mit der Wucht einer Befreiung.

Der Geist wurde nicht getötet. Stattdessen band man ihn. Sein Antlitz wurde in Stein gemeißelt und an Tempeln angebracht. Nicht als Schmuck, sondern als Mahnung. Von da an sollte er wachen, nicht herrschen, beschützen und nicht besitzen.

Ich finde diese Geschichte erschreckend aktuell. Sie erzählt nicht nur von einer alten Zeit, sondern von einem zeitlosen Muster. Von dem Moment, in dem Verantwortung in Macht umschlägt. In dem etwas, das allen gehört, festgehalten wird, Wasser, Ressourcen, Wissen und Leben.

Vielleicht stehen diese Gestalten deshalb bis heute an den Tempeln Sri Lankas. Damit wir uns erinnern.
Alles, was Leben schenkt, will fließen.
Wird es gehortet, wirkt es zerstörerisch.
Wird es geteilt, wirkt es heilig.

Ayurbowan Gabriele 🙏

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