Wenn die Seele langsamer werden möchte
Vielleicht spürst du es in diesen Tagen schon. Morgens fällt das Aufstehen etwas schwerer, am Abend meldet sich die Müdigkeit früher und auch tagsüber ist die Energie nicht mehr ganz so selbstverständlich da wie noch vor einigen Wochen. Der Sommer beginnt sich zu verabschieden. Das Licht verändert sich, die Tage werden kürzer, die Abende kühler und am Morgen liegt manchmal schon dieser besondere Duft in der Luft, der den Herbst ankündigt.
Und während sich die Natur verändert, verändert sich auch etwas in uns. Wir sind Teil dieser Natur, auch wenn unser Alltag uns das manchmal vergessen lässt. Unser Körper nimmt sehr genau wahr, dass das Licht weniger wird. Unsere innere Uhr reagiert darauf und mit ihr können sich Schlaf, Wachheit und unser Bedürfnis nach Ruhe verändern. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn wir im Herbst müder werden oder uns stärker nach Rückzug sehnen. Nicht jede Müdigkeit ist etwas, gegen das wir sofort ankämpfen müssen. Natürlich sollte eine ungewöhnlich starke oder länger anhaltende Erschöpfung medizinisch abgeklärt werden. Doch ein größeres Ruhebedürfnis kann auch eine natürliche Reaktion auf den Wechsel der Jahreszeit sein.
Die Natur macht es uns vor.
Ein Baum versucht nicht, den Sommer festzuhalten. Seine Kräfte verändern ihre Richtung, die Blätter verfärben sich und irgendwann lässt er sie fallen. Er verliert dadurch nicht seine Lebenskraft, er bewahrt sie.
Vielleicht dürfen auch wir unsere Energie jetzt wieder etwas mehr zu uns zurückholen.
Im Sommer richtet sich vieles nach außen. Wir sind mehr unterwegs, verbringen Zeit draußen, treffen Menschen und genießen die langen Abende. Mit dem Herbst entsteht dagegen oft ganz von selbst das Bedürfnis nach Wärme, Ruhe und Geborgenheit.
Doch gerade mit dieser Ruhe tun wir uns manchmal schwer. Wir sind daran gewöhnt, aktiv zu sein. Ein voller Tag fühlt sich schnell wertvoller an als ein Tag, an dem scheinbar wenig passiert. Selbst unsere freie Zeit möchten wir oft noch sinnvoll nutzen. Aber vielleicht braucht die Seele nicht immer Beschäftigung. Vielleicht braucht sie manchmal einfach Raum. Denn wenn es stiller wird, können wir wieder deutlicher wahrnehmen, wie es uns eigentlich geht. Gedanken und Gefühle, für die im Alltag wenig Platz war, dürfen auftauchen. Manchmal bemerken wir dabei auch, dass etwas nicht mehr so gut zu uns passt wie früher. Vielleicht hat sich die Situation verändert oder wir haben uns verändert.
Die Tagundnachtgleiche im September ist für mich deshalb ein schöner Wendepunkt. Tag und Nacht befinden sich für einen kurzen Moment annähernd im Gleichgewicht. Danach werden die Nächte länger als die Tage und die dunklere Jahreshälfte beginnt.
Doch Dunkelheit muss nichts Negatives bedeuten. Wir schlafen in der Dunkelheit. Samen ruhen in der dunklen Erde. Vieles, was später sichtbar wird, beginnt zunächst im Verborgenen. Auch wir brauchen Zeiten, in denen wir nicht ständig wachsen, leisten oder wissen müssen, wie es weitergeht. Die Tagundnachtgleiche erinnert uns gleichzeitig daran, dass Gleichgewicht nichts Starres ist. Unser Leben bewegt sich immer wieder zwischen Aktivität und Ruhe, Nähe und Rückzug, Geben und Empfangen.
Innere Balance bedeutet für mich deshalb nicht, dass immer alles perfekt ausgeglichen sein muss. Sie beginnt dort, wo wir wahrnehmen, was wir gerade brauchen und uns erlauben, darauf zu hören.
Vielleicht möchtest du dir in diesen Tagen ein wenig Zeit nehmen und dich fragen
Was hat mir in diesem Sommer Kraft gegeben?
Was hat mich Kraft gekostet?
Was möchte ich mit in den Herbst nehmen und was darf ich zurücklassen?
Du musst darauf nicht sofort eine Antwort haben. Manche Antworten entstehen nicht durch Nachdenken. Sie zeigen sich in einem stillen Moment, bei einem Spaziergang oder genau dann, wenn wir einmal nichts von uns erwarten.
Vielleicht ist das die Einladung dieser Wochen
Nicht immer weitermachen, sondern wieder wahrnehmen.
Nicht gegen den eigenen Rhythmus leben, sondern ihm zuhören.
Die Natur zeigt uns, dass Rückzug kein Stillstand ist. Ein Baum, der seine Blätter verliert, gibt nichts auf. Er sammelt seine Kraft dort, wo wir sie von außen nicht sehen können, vielleicht dürfen auch wir uns daran erinnern:
Nicht jede Zeit unseres Lebens ist dafür bestimmt, zu blühen.
Manche Zeiten sind dafür da, unsere Kraft wieder in den eigenen Wurzeln zu sammeln.
Ich wünsche dir einen wunderschönen Übergang in den Herbst, stille Momente nur für dich und das Vertrauen, deinem eigenen Rhythmus wieder mehr Raum zu geben.
Herzlichst
Gabriele Baum