In Istanbul begegnen sich Zeiten nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.
Während ich durch die Straßen ging, entstand immer wieder dieses stille Staunen darüber, wie selbstverständlich hier Altes und Neues nebeneinander bestehen. Vor jahrhundertealten Moscheen standen junge Frauen in moderner Kleidung, mit offenen Haaren, Smartphones in der Hand, lachend im Gespräch. Nur wenige Schritte weiter bewegten sich Menschen in traditionellen Gewändern durch dieselben Gassen, ruhig, selbstverständlich, als hätte sich die Zeit für sie langsamer entfaltet. Nichts daran wirkte widersprüchlich. Eher wie ein stilles Einverständnis verschiedener Wirklichkeiten, die sich nicht ausschließen müssen. Die Mauern erzählten von vergangenen Reichen, von Glauben, Macht und Geschichte, während das Leben der Gegenwart sich direkt davor abspielte lebendig und jung, in Bewegung. Besonders in Kadıköy wurde dieses Gefühl spürbar. Cafés voller Studenten, Musik aus offenen Türen, Gespräche über Zukunft und Möglichkeiten, während im Hintergrund der Bosporus ruhig weiterfloss, unverändert seit Jahrhunderten. In einem dieser stillen Momente begegnete mir auch eine andere, tiefere Seite dieser Stadt die tanzenden Sufis. Der langsame, kreisende Tanz wirkte zunächst fremd für meine Augen und doch zugleich vertraut, als würde er einer sehr alten inneren Bewegung folgen. Die weißen Gewänder öffneten sich beim Drehen wie Blüten, die Arme erhoben zwischen Himmel und Erde, und alles geschah in einer Ruhe, die nichts darstellen wollte. Es war kein Tanz im üblichen Sinn, sondern eher ein Gebet in Bewegung, ein stiller Weg nach innen.
Während ich zusah, verlor sich das Gefühl von Zeit. Der Rhythmus der Drehungen, die Musik, die konzentrierte Stille im Raum ließen etwas entstehen, das schwer zu beschreiben ist – eine Mischung aus Frieden, Hingabe und tiefer Sammlung. In diesem Augenblick wurde spürbar, dass Spiritualität hier nicht nur in Gebäuden oder Worten lebt, sondern auch im Körper, im Atem, in der Bewegung selbst.
Vielleicht war es genau diese Erfahrung, die das Verständnis von Tradition und Gegenwart noch einmal vertiefte. Denn obwohl dieses Ritual seit Jahrhunderten besteht, wirkte es nicht vergangen, sondern lebendig. Nicht wie ein Relikt, sondern wie eine zeitlose Erinnerung daran, dass der Mensch immer auf der Suche nach Verbindung ist – nach Sinn, nach Ruhe, nach etwas Größerem als sich selbst.
So zeigte sich Istanbul mir schließlich als ein Ort, an dem nicht nur Zeiten nebeneinander existieren, sondern auch äußeres Leben und innerer Weg. Und gerade darin lag eine stille Schönheit, die weit über das Sichtbare hinausging.
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