Rom

 

Rom beginnt nicht mit einem Datum, sondern mit einem Gefühl. Kaum betrete ich diese Stadt, spüre ich, dass hier Vergangenheit nicht vergangen ist. Sie liegt offen in den Straßen, in Mauern, unter meinen Füßen und zugleich pulsiert überall Gegenwart. Genau dieses Nebeneinander macht Rom so überwältigend. Das Kolosseum steht wie ein steinerner Zeuge einer Welt, die gleichermaßen fasziniert und erschreckt. Einst jubelten hier Zehntausende den blutigen Spielen zu. Gladiatoren kämpften um Ruhm, Leben und Tod, während Kaiser ihre Macht inszenierten. Heute ziehen Menschen mit Kameras um die Arena, stehen staunend vor der gewaltigen Architektur und versuchen zu begreifen, was sich hier abgespielt hat. Zwischen Selfiesticks und Reiseführern entsteht ein merkwürdiger Kontrast: Unterhaltung damals, Erinnerung heute. Nur wenige Schritte weiter öffnet sich mit dem Forum Romanum das Herz des antiken Reiches. Zerbrochene Säulen, Tempelreste und Triumphbögen erzählen von Politik, Machtkämpfen und Visionen einer Weltmacht. Auf dem Palatin, wo der Mythos von Romulus und Remus verortet wird, beginnt die Geschichte der Stadt beinahe märchenhaft und doch wurde von hier aus ein Imperium gelenkt, das Kontinente prägte. Wenn ich dort oben stehe, sehe ich nicht nur Ruinen. Ich sehe Schichten von Entscheidungen, Hoffnungen und menschlichen Dramen. Rom ist jedoch nicht nur Antike. Die großen Kirchen öffnen einen anderen Raum der Zeit. In Santa Maria Maggiore spüre ich die jahrhundertelange Verehrung, in San Pietro in Vincoli blickt Michelangelos Moses mit einer Intensität, die bis heute unter die Haut geht. Unter San Clemente wiederum liegen noch ältere Welten verborgen ein Mithrasheiligtum tief unter christlichen Mauern. Rom baut nie neu, ohne das Alte mitzunehmen. Alles bleibt, verwandelt sich, wächst übereinander. Auch die Kunst erzählt diese fortlaufende Geschichte. In den Vatikanischen Museen verdichtet sich menschliche Schöpferkraft zu einem Strom aus Bildern, Skulpturen und Farben. Die Sixtinische Kapelle wirkt fast unwirklich, weil sie so vertraut und zugleich unbegreiflich groß ist. Draußen auf dem Petersplatz umarmen die Kolonnaden die Menschen wie offene Arme ein architektonisches Zeichen, das bis heute verstanden wird.

Doch Rom wäre nicht Rom ohne sein heutiges Leben. Zwischen Alta Moda, Straßencafés und dem stetigen Murmeln vieler Sprachen zeigt sich eine Stadt, die gelernt hat, mit den Besuchern zu leben. Touristen gehören längst zum Rhythmus. Sie bringen Lärm, Bewegung und manchmal Oberflächlichkeit aber auch Neugier, Staunen und neues Leben. Am Trevi-Brunnen werfen Menschen Münzen ins Wasser, vielleicht halb im Spiel, halb im Ernst. Der Wunsch, zurückzukehren, scheint hier zeitlos. Am Abend verändert sich die Stimmung. In Trattorien klingen Gläser, Gespräche fließen, und plötzlich wirkt alles leichter. Pasta, Wein und warmes Licht lassen die Jahrtausende fern erscheinen. Doch selbst in diesen stillen Momenten bleibt Rom spürbar: eine Stadt, die mehr ist als Sehenswürdigkeiten. Sie ist Erinnerung, Bühne, Glaubensort und Alltag zugleich.

Wer Rom wirklich begegnet, versteht irgendwann. Diese Stadt erklärt sich nicht vollständig. Man kann sie nur Schicht für Schicht erleben gehend, schauend, fühlend. Und vielleicht liegt genau darin ihr Geheimnis.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.