Gebet, Klang und die Stimme der Stadt

 

Mehrmals am Tag verändert sich die Atmosphäre in Istanbul beinahe unmerklich, und doch spürbar bis in die Tiefe. Aus den Minaretten erhebt sich der Ruf des Muezzins, getragen von Lautsprechern und zugleich von etwas, das sich nicht technisch erklären lässt. Der Klang legt sich über Dächer, Straßen und Wasser, wandert über den Bosporus, berührt Mauern, Menschen, Gedanken. Für meine Ohren klang er fremd und vertraut zugleich, als würde ich einen Ton hören, der nicht aus dieser Zeit stammt, sondern aus einer sehr alten Erinnerung. In den ersten Momenten fühlte es sich tatsächlich an wie in einem Märchen. Nicht laut und dramatisch, sondern still verwandelnd. Gespräche wurden leiser, Schritte langsamer, und selbst das geschäftige Treiben der Stadt schien für einen Augenblick innezuhalten. Niemand blieb vollständig stehen, und doch veränderte sich etwas Unsichtbares in der Luft, als würde sich der Alltag öffnen für eine andere, tiefere Wirklichkeit. Ich begann diesen Klang nicht nur zu hören, sondern zu spüren. Er gehörte nicht zu einem bestimmten Gebäude oder zu einer einzelnen Moschee, sondern zur ganzen Stadt. Wie ein Atem, der regelmäßig wiederkehrt. Wie eine Erinnerung daran, dass zwischen Arbeit, Verkehr und Stimmen immer auch Raum für Stille existiert. Gerade dieses Ineinander von Geräusch und Ruhe hat mich berührt. Autos fuhren weiter, Menschen gingen ihren Wegen nach, Händler verkauften ihre Waren und doch lag über allem ein leiser Schleier von Sammlung. Spiritualität zeigte sich hier nicht getrennt vom Leben, sondern mitten darin. Nicht als Rückzug, sondern als stilles Mitklingen. Mit der Zeit verlor der Ruf des Muezzins für mich seine Fremdheit und wurde zu etwas Vertrautem. Er markierte nicht nur die Stunden des Tages, sondern auch die Tiefe eines Ortes, an dem Glaube, Alltag und Geschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Vielleicht wirkte er deshalb so märchenhaft, weil er an etwas erinnerte, das in vielen modernen Städten kaum noch hörbar ist die leise Verbindung zwischen Himmel und Erde im gewöhnlichen Leben.

So blieb dieser Klang schließlich weniger ein Geräusch als ein Gefühl. Ein Gefühl von Weite, von Ruhe, von einem unsichtbaren Raum, der sich mitten im Trubel öffnet. Und noch lange nach der Reise klingt er in mir nach, wie eine ferne Stimme, die nichts fordert und doch etwas in Bewegung bringt.

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