Langsam senkt sich der Abend über Istanbul, und mit ihm verändert sich die ganze Stadt beinahe unmerklich. Das Licht wird weicher, die Stimmen klingen gedämpfter, und über dem Bosporus breitet sich ein stiller Schimmer aus, als würde der Tag selbst zur Ruhe kommen. Noch immer ziehen Schiffe ihre Bahnen zwischen den Ufern, Möwen gleiten durch die warme Luft, doch alles wirkt sanfter, langsamer, von einer leisen Gelassenheit getragen, die sich erst am Ende einer Reise wirklich zeigt.
In diesem ruhigen Moment steigen die Bilder der vergangenen Tage noch einmal auf, nicht mehr als einzelne Erinnerungen, sondern wie ein zusammenhängender Strom von Eindrücken. Die weite Kuppel der Hagia Sophia, unter der Zeit kaum spürbar wurde, die kühle Tiefe der Zisterne, der Duft von Gewürzen in den Basaren, das helle Licht über dem Goldenen Horn, die stillen Räume des Harems im Topkapi-Palast, in denen Geschichte plötzlich menschlich erschien. Dazu kommen die farbigen Straßen von Balat und Fener, der Tee am Wasser, der frische Fisch im Hafen, das sanfte Schaukeln der Fähre zwischen Europa und Asien. Alles verbindet sich zu einem einzigen Gefühl, das sich nicht festhalten lässt und doch bleibt. Istanbul verabschiedet sich nicht laut und auch nicht endgültig. Diese Stadt hält nichts fest, sondern lässt weiterziehen, so wie das Wasser unaufhörlich zwischen ihren Ufern fließt. Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Kraft, dass sie Gegensätze nicht trennt, sondern miteinander bestehen lässt, Vergangenheit und Gegenwart, Bewegung und Stille, Abschied und Neubeginn. Wer hier unterwegs ist, spürt irgendwann, dass jede Reise zwei Richtungen kennt: eine, die hinaus in die Welt führt, und eine andere, die leise nach innen weist.
Als der Blick ein letztes Mal über den Bosporus wandert, entsteht kein Gefühl wirklicher Trennung, sondern eher ein stilles Weitergehen. Die Wege enden nicht, sie verändern nur ihre Gestalt und tragen etwas Unsichtbares mit sich fort. So bleibt von Istanbul nicht nur die Erinnerung an Orte und Bilder zurück, sondern ein ruhiges Leuchten, das noch lange nachklingt weit wie der Himmel über dieser Stadt und sanft wie das Wasser, das sie verbindet.
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