Immer wieder begegne ich der Aussage, ganzheitliches Denken, Spiritualität oder das Wahrnehmen tieferer Zusammenhänge seien nichts weiter als Esoterik. Manche reagieren skeptisch, andere ablehnend, wieder andere wenden sich bewusst davon ab, weil sie Angst vor Täuschung, Irrtum oder falschen Versprechen haben. Und natürlich darf jeder Mensch denken, was er möchte. Doch für mich liegt der Kern dieses Themas nicht in der Frage, ob jemand daran glaubt, sondern darin, ob wir bereit sind zu erkennen, dass das Leben selbst keine Trennung kennt. Wir können im Denken vieles auseinanderhalten wie Körper und Seele, Wissenschaft und Bewusstsein, Innen und Außen, Materie und Geist. Diese Unterscheidungen helfen uns, die Welt zu ordnen und zu verstehen. Doch das Leben in seiner Tiefe funktioniert nicht in getrennten Bereichen. Es wirkt immer ganz. Alles steht miteinander in Beziehung, alles beeinflusst sich gegenseitig, und nichts existiert wirklich für sich allein. Diese Verbundenheit ist kein spirituelles Konzept, sondern eine Erfahrung, die spürbar wird, sobald wir beginnen, genauer hinzusehen in uns selbst, in Beziehungen, in der Natur und im größeren Geschehen unserer Zeit. Gerade die starke Ablehnung von allem, was als esoterisch bezeichnet wird, zeigt oft auch eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit und Verlässlichkeit. Viele Menschen möchten nicht mehr getäuscht werden, sie möchten Boden unter den Füßen spüren und sich auf etwas Echtes verlassen können. Diese Sehnsucht ist zutiefst verständlich. Doch wenn aus ihr eine grundsätzliche Abwehr gegenüber allem Nicht-Messbaren entsteht, verlieren wir einen wichtigen Teil menschlicher Wirklichkeit nämlich das Fühlen, das Erleben von Sinn und die leise Ahnung von Verbundenheit, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt und dennoch real ist.
Für mich zeigt sich im Leben ein einfaches, stilles Gesetz. Alles strebt nach Harmonie. Ob wir daran glauben oder nicht, ob wir es spirituell nennen oder wissenschaftlich beschreiben, spielt dabei keine entscheidende Rolle. Dort, wo Disharmonie entsteht, beginnt Bewegung. Nicht als Strafe, sondern als Ausgleich. Wenn ein Mensch nicht in seiner inneren Wahrheit lebt, zeigt sich die Spannung oft an anderer Stelle im Körper, in Beziehungen, in Lebensumständen oder im kollektiven Geschehen. Das Leben korrigiert sich nicht gegen uns, sondern in Richtung Ganzheit. Es sucht immer wieder den Weg zurück ins Gleichgewicht. Gerade in der heutigen Zeit wird dieses Streben nach Ausgleich deutlicher sichtbar. Alte Sicherheiten lösen sich, vertraute Strukturen geraten ins Wanken, und viele Menschen spüren eine Unruhe, die sich nicht mehr mit einfachen Antworten beruhigen lässt. Was zunächst bedrohlich wirken kann, trägt zugleich die Möglichkeit eines tieferen Verstehens in sich. Denn wo Gewohntes zerbricht, entsteht Raum für Wahrheit. Und Wahrheit verbindet nicht durch Ideologie, sondern durch Echtheit. Ganzheitlich zu denken bedeutet deshalb nicht, alles unkritisch zu glauben oder sich von der Realität abzuwenden. Es bedeutet vielmehr, mehrere Ebenen gleichzeitig wahrzunehmen, den Körper ernst zu nehmen und dennoch die seelische Dimension zu sehen, rational zu prüfen und gleichzeitig der Intuition zu vertrauen, spirituell zu fühlen und dennoch verantwortlich im Alltag zu handeln. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenführen dessen, was immer schon zusammengehört. Wenn ein Mensch beginnt, aus dieser inneren Verbundenheit heraus zu leben, verändert sich etwas Grundlegendes. Verantwortung wird tiefer, weil Handlungen nicht mehr isoliert erscheinen. Mitgefühl wird natürlicher, weil das Gegenüber nicht mehr als getrennt erlebt wird. Wahrheit wird wichtiger als Bequemlichkeit, weil nur das Stimmige auf Dauer Frieden bringt. Dann geht es nicht mehr darum, recht zu haben, sondern darum, in Einklang zu sein mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben.
Vielleicht besteht der eigentliche Wandel unserer Zeit genau darin, diese Einheit wieder zu erkennen. Nicht als neue Idee, sondern als Erinnerung an etwas, das immer da war. Das Leben kennt keine Trennung. Und je mehr wir beginnen, dieser inneren Wahrheit zu vertrauen und entsprechend zu handeln, desto stiller wird der Kampf und desto spürbarer wird der Frieden. Nicht irgendwann, sondern hier und jetzt.
Namaste Eure Gabriele
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