Die Kathedrale von Sevilla und die Giralda

 

Nur wenige Schritte vom stillen Zauber des Alcázar entfernt erhebt sich ein Bauwerk, das nicht leise spricht, sondern in seiner ganzen Größe wirkt: die Kathedrale von Sevilla. Schon von außen erscheint sie wie ein steinernes Versprechen, das den Himmel berühren möchte. Mauern, Türme und Strebebögen wachsen aus der Erde empor, als hätten Menschen versucht, ihre Sehnsucht nach dem Göttlichen in reine Höhe zu verwandeln.

Beim Eintreten verändert sich erneut die Wahrnehmung. Der Raum öffnet sich weit, fast grenzenlos, getragen von gewaltigen Säulen und überflutet von gedämpftem Licht. Alles wirkt größer als das eigene Maß nicht erdrückend, sondern ehrfürchtig. Inmitten dieser Weite leuchtet der Hauptaltar wie ein goldenes Universum aus Figuren, Szenen und Symbolen. Unzählige Details erzählen biblische Geschichten, doch gleichzeitig entsteht ein stilles Gefühl von Zeitlosigkeit, als würde hier nicht nur Glaube dargestellt, sondern menschliche Sehnsucht selbst sichtbar. Die Kathedrale steht auf den Fundamenten einer ehemaligen Moschee, die nach der christlichen Rückeroberung Sevillas im 13. Jahrhundert schrittweise überbaut wurde. Anders als in Córdoba, wo beide Welten in einem Raum nebeneinander bestehen, zeigt sich hier ein vollständiger Wandel. Und doch ist die Vergangenheit nicht verschwunden. Sie lebt weiter in der Giralda, dem ehemaligen Minarett, das zum Glockenturm der Kathedrale wurde. Beim Aufstieg durch den Turm nicht über Treppen, sondern über sanft ansteigende Rampen entsteht ein fast meditativer Rhythmus des Gehens. Schritt für Schritt öffnet sich mehr Licht, mehr Weite, mehr Himmel. Oben angekommen liegt Sevilla in warmen Farben ausgebreitet. Dächer, Plätze und Gärten und das Band des Flusses in der Ferne. Der Blick trägt weit über die Stadt hinaus, und für einen Moment scheint alles still zu stehen. Gerade hier verbindet sich die Erfahrung von Höhe mit einer inneren Ruhe. Die Geräusche der Stadt werden leiser, der Wind berührt sanft das Gesicht, und ein Gefühl von Klarheit entsteht, das schwer zu benennen ist. Vielleicht ist es genau dieser Augenblick, in dem äußere Schönheit und inneres Empfinden ineinander übergehen.

Sevilla zeigt sich in Kathedrale und Giralda noch einmal in ihrer ganzen Kraft, sinnlich und spirituell zugleich, getragen von Geschichte und doch lebendig im Jetzt. Nach der stillen Tiefe Córdobas und der versöhnlichen Schönheit des Alcázar wirkt dieser Ort wie ein Höhepunkt der Reise weit, lichtdurchflutet und von einer Größe, die nicht nur gesehen, sondern empfunden werden will.

Und während der Blick langsam wieder hinab in die Gassen der Stadt wandert, entsteht leise die Ahnung, dass Andalusien noch ein letztes, besonders geheimnisvolles Kapitel bereithält.
Denn hinter den Bergen wartet bereits Granada und mit ihm die Alhambra, jenes steinerne Gedicht aus Wasser, Licht und Erinnerung.

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