Auf dem Universitätsgelände, in Peradeniya bei Kandy in Sri Lanka, steht ein Baum, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Er wirkt alt, weit ausladend, voller Ruhe und doch trägt er eine Geschichte in sich, die still und kraftvoll zugleich ist. Es ist ein Feigenschmarotzer, eine Würgefeige. Sein Leben beginnt nicht am Boden, sondern hoch oben in den Ästen eines anderen Baumes. Ein Samen fällt dorthin, kaum sichtbar, und beginnt zu keimen. Ganz langsam schickt er seine Wurzeln nach unten, tastend, suchend, bis sie die Erde erreichen. Von diesem Moment an verändert sich alles. Die Feige wächst weiter, breitet sich aus, umschlingt den ursprünglichen Baum immer stärker. Sie nimmt Licht, Raum und Nahrung ein. Was einst nur Halt war, wird nach und nach überdeckt, verdrängt und manchmal sogar erstickt. Am Ende bleibt oft nur noch das Geflecht der Feige zurück mächtig, selbstständig und scheinbar aus sich selbst entstanden. Und doch basiert ihr ganzes Dasein darauf, dass einmal etwas anderes sie getragen hat.
Wenn ich darunter stehe, denke ich unweigerlich auch an Menschen. An Beziehungen, in denen einer wächst, indem er sich an den anderen klammert. An Verbindungen, die nicht aus freier Kraft entstehen, sondern aus Bedürftigkeit, Angst oder dem Wunsch nach Sicherheit. Manchmal geschieht das ganz unbemerkt, leise wie der Samen in der Baumkrone. Und erst viel später wird sichtbar, wie sehr ein Leben das andere umschlungen hat. Gleichzeitig erinnert mich dieser Baum daran, wie wichtig es ist, die eigene Wurzel zu finden. Wirklich zu stehen nicht auf Kosten eines anderen, sondern aus der eigenen Kraft heraus. Wachstum darf nähren, verbinden und stützen und nicht ersticken.
So stehe ich dort unter diesem riesigen Geflecht aus Ästen und Wurzeln und spüre beides zugleich, die beeindruckende Macht der Natur und ihre leise Mahnung. Wirkliches Leben entsteht dort, wo Halt nicht gefangen nimmt, sondern Freiheit möglich macht.
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