Der Löwenfelsen von Sigiriya

 

Stufe für Stufe steige wir hinauf zum Löwenfelsen von Sigiriya. Rund 1.200 Stufen führen bis ganz nach oben. Der Weg fordert den Körper, aber er öffnet zugleich etwas Inneres. Mit jedem Schritt bleibt die Ebene weiter zurück, und der Fels beginnt seine Geschichte zu erzählen.

Im 5. Jahrhundert ließ König Kashyapa diesen Ort zu seiner Residenz machen. Aus Angst vor Vergeltung, aus dem Wunsch nach Macht und Kontrolle. Nachdem er seinen Vater, König Dhatusena, ermorden ließ, fürchtete er die Rache seines rechtmäßigen Bruders. Sigiriya war Festung, Palast und Machtsymbol zugleich. Hoch oben, scheinbar unantastbar. Unten Wassergräben und kunstvoll angelegte Gärten, am Felsen Terrassen, oben ein Palast mit Blick über die ganze Welt. Etwa auf halber Höhe erscheinen sie, die Wolkenmädchen. Ursprünglich sollen es über 500 Darstellungen gewesen sein. Man geht heute davon aus, dass sie die Frauen des Königs zeigten, Geliebte, Gefährtinnen oder Teil seines Hofstaates. Sinnlich, nackt und lebendig gemalt. Keine scheuen Figuren, sondern Frauen in voller Präsenz, mit Schmuck, weichen Formen und leuchtenden Farben. Sie scheinen nicht an den Felsen gebunden, sondern zu schweben zwischen Himmel und Erde.

Doch von diesen Fresken ist nur ein kleiner Teil erhalten geblieben. Als Sigiriya nach Kashyapas Tod von buddhistischen Mönchen genutzt wurde, galten die nackten Frauenkörper als anstößig. Viele der Darstellungen wurden bewusst zerstört, übermalt oder abgeschlagen. Was heute noch zu sehen ist, sind Fragmente. Reste einer Welt, in der Macht, Sinnlichkeit und Schönheit selbstverständlich nebeneinander existierten und später nicht mehr geduldet wurden. Gerade diese Lücken machen die Wolkenmädchen für mich noch berührender. Sie erzählen nicht nur von Schönheit, sondern auch von Wandel. Von Moralvorstellungen, die kommen und gehen. Von dem, was erlaubt ist und dem, was ausgelöscht wird. Die Fresken wirken auf mich wie Stimmen aus einer anderen Zeit. Weiter oben stehe ich vor den gewaltigen Löwenpfoten, den steinernen Überresten des einstigen Eingangs. Früher führte die Treppe durch ein riesiges Löwenmaul hinauf. Wer hier ging, sollte spüren, wer hier die Macht hatte. Heute stehen nur noch monumental die Pranken da. Oben auf dem Plateau öffnet sich der Blick. Die Reste der Palastanlagen liegen verstreut, überwachsen, dem Himmel ausgesetzt. Und dann dieser 360-Grad-Blick über Dschungel und Felder, ein riesig weiter Horizont der alles relativiert. 

Kashyapas Geschichte endete tragisch. Als sein Bruder mit einem Heer zurückkehrte, flohen die Truppen, und der König nahm sich das Leben. Sigiriya verlor seine Bedeutung, wurde Kloster und dann vergessen. Was blieb, ist dieser Felsen und die Erinnerung daran, wie vergänglich Macht, Besitz und Kontrolle sind.

Als wir den Felsen verlassen, bleibt alles still in uns. Kein Gedanke will sich festsetzen. Der Atem findet seinen eigenen Rhythmus. Die Stufen, die ich hinabgehe, fühlen sich nicht wie ein Weg zurück an, sondern wie ein sanftes Zurückgleiten ins Jetzt. Der Körper weiß, was er getan hat. Die Geschichten dieses Ortes lösen sich langsam auf. Macht, Angst, Schönheit und Verlust alles darf nebeneinander bestehen und dann gehen. Was bleibt, ist Präsenz. Ein stilles Dasein ohne Anspruch. So wie Buddha sagte, alles ist vergänglich, alles darf sein. 

Ayubowan Gabriele 🙏

 

 

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