In der alten Königsstadt Anuradhapura betrete ich keinen historischen Ort. Ich trete in einen Raum jenseits der Zeit. Schon in der Antike reckten sich hier riesige Dagobas himmelwärts gebaut aus einem Wissen, das nicht erklären, sondern verbinden wollte. Diese Monumente stehen nicht da, um zu beeindrucken. Sie stehen da, um auszurichten. Nach oben, nach innen und zum Wesentlichen.
Ich bewege mich langsam über das weitläufige Gelände. Glöckchen klingen im Wind, ganz fein, fast wie Atem. Gläubige murmeln Mantras, nicht laut, nicht demonstrativ, sondern so, als sprächen sie mit dem Leben selbst. Gebetsfahnen tragen Wünsche, Hoffnungen und Dankbarkeit in den Himmel. Ich fühle hier wird nichts verlangt sondern gegeben. Und zwar achtsam Schritt für Schritt.
Gemeinsam mit den Pilgern umrunde ich die schneeweiße Ruwanweli-Dagoba. Viele tragen Weiß, ein Zeichen der Reinheit, und inneren Ausrichtung. Es gibt kein Gedränge, kein Vorwärtsdrängen. Alles geschieht in einem ruhigen, würdevollen Rhythmus. Die Menschen gehen nicht, um anzukommen, sie gehen, um zu gehen. Um Teil dieses Kreislaufs zu sein. Ich lasse mich ein auf diesen Takt und spüre, wie mein eigenes Inneres langsamer wird.
Diese Dagoba wirkt wie ein ruhender Pol. Massive Form, klare Linie, reine Farbe. Und doch ist sie alles andere als starr. Sie sammelt, bündelt und trägt. Ich spüre, wie sich meine Gedanken ordnen, ohne dass ich etwas tue. Als würde dieser Ort sagen, du musst nichts verstehen, sei einfach da. Doch so beeindruckend die Bauwerke auch sind, das eigentliche Herz von Anuradhapura ist lebendig, still, wach und gegenwärtig. Der Sri Maha Bodhi zieht mich an, lange bevor ich ihn erreiche. Ein Ableger jenes Baumes, unter dem Siddhartha Gautama in Indien Erleuchtung fand. Über zweitausend Jahre alt. Gepflegt, geschützt und verehrt. Kein Denkmal aus Stein, sondern ein atmendes Wesen. Ich stehe vor diesem Baum und spüre eine andere Art von Zeit. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur reine Gegenwart. Menschen bringen Blumen, Wasser, Reis und Gebete. Manche sitzen still, manche berühren ehrfürchtig den Boden. Niemand spricht viel, Worte wären hier zu laut. Der Sri Maha Bodhi braucht keine Erklärung seine Präsenz ist ausreichend.
In diesem Moment wird mir klar, warum dieser Ort bis heute eines der wichtigsten Pilgerziele des Buddhismus ist. Nicht, weil hier Geschichte konserviert wird. Sondern weil hier Bewusstsein lebt. Weil dieser Baum daran erinnert, dass Erwachen nichts Abgehobenes ist. Es ist still, verwurzelt und Lebendig. Es wächst, so wie dieser Baum gewachsen ist genährt von Hingabe, Geduld und Zeit.
Anuradhapura fühlt sich für mich an wie ein innerer Anker. Ein Ort, der nichts fordert und doch alles öffnet. Ich verlasse ihn nicht mit neuen Erkenntnissen, sondern mit einer tiefen Ruhe im Brustraum. Mit dem Gefühl, dass es Orte gibt, an denen das Menschsein nicht kompliziert ist. An denen Spiritualität nicht gesucht werden muss, weil sie einfach da ist.
Und während ich gehe, weiß ich, ein Teil von mir bleibt hier. Unter den ausladenden Ästen eines Baumes, der seit Jahrhunderten daran erinnert, dass Erwachen möglich ist mitten im Leben.
Ayubowan Gabriele 🙏
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