Sri Lankas Edelsteine sind weit mehr als Schmuck. Sie sind Träger von Geschichte, Macht, Reichtum und Verlust. Wenn ich mich mit ihnen beschäftige, spüre ich, dass sie Geschichten in sich tragen, die über Jahrhunderte verschwiegen wurden. Diese Insel galt schon in der Antike als Insel der Juwelen. Saphire, Tigerauge, Rubine, Mondsteine und viele andere Edelsteine wurden hier seit Jahrtausenden gefunden, geschätzt und gehandelt. Lange Zeit kamen Händler aus Indien, Persien und dem arabischen Raum nach Sri Lanka. Der Austausch war respektvoll. Edelsteine wurden getauscht, nicht geraubt. Das Wissen der Menschen vor Ort, ihr Gespür für Qualität und ihre Erfahrung im Umgang mit den Steinen wurden anerkannt. Dieses Gleichgewicht zerbrach, als Europa begann, sich für die Insel zu interessieren. Im 16. Jahrhundert landeten die Portugiesen an der Küste. Was als Handel begann, wurde schnell zur Machtausübung. Küstenregionen wurden besetzt, Handelswege kontrolliert, lokale Herrscher gegeneinander ausgespielt. Edelsteine wurden nicht mehr fair erworben, sondern systematisch abgeschöpft. Die schönsten Steine verließen das Land, oft roh oder nur grob bearbeitet. In Europa tauchten sie später wieder auf in Kirchen, Schatzkammern und frühen königlichen Sammlungen. Ihre Herkunft wurde selten erwähnt, ihre Geschichte verschwand. Die Niederländer übernahmen später die Kontrolle und führten dieses System nahezu unverändert fort. Wieder wechselte nur die Macht, nicht das Prinzip. Edelsteine, Zimt und andere Kostbarkeiten flossen weiter aus dem Land ab. Die Menschen, die diese Schätze aus dem Boden holten, blieben arm. Den tiefsten Einschnitt erlebte Sri Lanka unter britischer Herrschaft. Die Ausbeutung wurde nicht chaotisch, sondern perfekt organisiert. Verwaltung, Gesetze und Infrastruktur wurden so aufgebaut, dass Rohstoffe effizient aus dem Land geschafft werden konnten. Eisenbahnlinien verbanden das Hochland mit den Häfen, Straßen führten von Abbaugebieten direkt zur Küste. Auch der Edelsteinabbau wurde streng kontrolliert, lizenziert und überwacht. Nach außen wirkte dieses System modern und geordnet. In Wahrheit entstand der eigentliche Reichtum nicht im Land selbst. Die wertvollsten Saphire fanden ihren Weg in die Kronen und Juwelen europäischer Königshäuser. Bis heute funkeln sie in Diademen, Zeptern und Ringen als Symbole von Macht, Beständigkeit und Reichtum. Kaum jemand fragt, woher diese Steine stammen. Kaum jemand kennt die Hände, die sie aus der Erde geholt haben. Edelsteine sind endlich was einmal aus dem Boden geholt ist, kehrt nicht zurück. Jahrhunderte der Ausbeutung haben deshalb tiefe Spuren hinterlassen wirtschaftlich, kulturell und auch innerlich. Dieses Land hat viel gegeben und wenig behalten. Erst nach der Unabhängigkeit begann Sri Lanka langsam, seine Schätze wieder selbst zu schützen. Der Edelsteinabbau wurde reguliert, Exporte kontrolliert, lokale Werkstätten gefördert. In der Stadt Ratnapura, der legendären Stadt der Juwelen, lebt dieses uralte Wissen bis heute weiter. Hier wird mit Geduld gearbeitet, mit Erfahrung und mit großem Respekt vor dem Stein.
Unser Besuch in einer solchen Werkstatt war für mich etwas Besonderes. Zuerst hörten wir einen ausführlichen Vortrag über Edelsteine. Über ihre Entstehung, über natürliche und behandelte Steine, über Farbe, Reinheit und Schliff. Es war ruhig, sachlich, ehrlich. Kein Verkaufsdruck, kein Glanzgerede sondern Wissen. Danach bestand die Möglichkeit, einen Stein zu kaufen. Wir konnten wundervolle Steine und Schmuckstücke in beleuchteten Vitrinen bestaunen. Drei der Teilnehmerinnen entschieden sich für einen Saphir. Jede wählte einen anderen. Ich hatte das Gefühl, dass nicht sie den Stein ausgesucht haben, sondern der Stein sie.
Wenn ich heute an die funkelnden Kronen Europas denke, sehe ich nicht nur Schönheit. Ich sehe eine Geschichte von Entnahme und Verlust. Viele dieser Edelsteine wurden Sri Lanka unter kolonialer Herrschaft genommen. Sie verließen das Land ohne Zustimmung, ohne fairen Gegenwert. Edelsteine aus Sri Lanka tragen deshalb nicht nur Glanz, sondern die Erinnerung an ein Land, dem ein Teil seines Reichtums geraubt wurde. Diese Wahrheit gehört für mich untrennbar zu ihrer Geschichte.
Ayubowan Gabriele 🙏
Kommentar hinzufügen
Kommentare