Im Höhlentempel und Kloster von Aluvihara

 

Im Höhlentempel von Aluvihara sind die Höhlen selbst wie lebendige Wesen. Ich gehe langsam durch sie hindurch und habe das Gefühl, als würden sie Geschichten atmen. Die Felsen sind dunkel, kühl, an manchen Stellen glatt geschliffen von Jahrhunderten des Berührens, an anderen rau und unbeugsam. In den Höhlen öffnen sich kleine Schreine, Buddhafiguren sitzen im Halbdunkel, umgeben von Wandmalereien, deren Farben trotz ihres Alters noch immer leuchten. Ocker, Rot, Schwarz,  Szenen aus dem Leben Buddhas, Lehrgeschichten und Symbole. Das Licht fällt nur spärlich hinein, manchmal durch schmale Öffnungen im Fels, manchmal durch eine einzelne Lampe. Gerade dieses gedämpfte Licht macht den Ort so intensiv. Alles wirkt gesammelt, nach innen gerichtet.

Ich merke, wie mein eigener Atem ruhiger wird. Die Höhlen laden nicht zum Reden ein, sondern zum Lauschen. Hier wurde meditiert, gelehrt, geschrieben, erinnert. Hier haben Mönche über Jahrhunderte hinweg gesessen, gebetet, rezitiert und Wissen bewahrt. Der Fels schützt, hält und umschließt denn nichts ist zufällig an diesem Ort. Es ist ein Raum der Konzentration, fast wie ein steinerner Schoß, in dem Gedanken reifen durften.

Außerhalb der Höhlen treffen wir einen Mönch in einem kleinen, schlichten Klosterbereich. Er sitzt ruhig da, freundlich, offen, und holt alte Palmrollen hervor. Sie wirken zerbrechlich und gleichzeitig unglaublich kraftvoll. Er erklärt uns, wie diese Palmblätter früher gewonnen wurden, wie man sie trocknete, glättete und zuschnitt. Schreiben war ein aufwendiger Prozess, nichts für Eilige. Mit einem feinen Metallstift wurden die Zeichen eingeritzt, nicht geschrieben wie wir es kennen. Erst danach rieb man Ruß oder Pflanzenöl in die Linien, damit die Schrift sichtbar wurde.

Während er spricht, halte ich innerlich den Atem an. Diese Rollen sind keine Bücher im westlichen Sinn. Sie sind Speicher von Gedächtnis, von Lehre und Verantwortung. Der Mönch erklärt, dass das Wissen nicht nur festgehalten, sondern auch immer wieder überprüft und weitergegeben wurde. Abschreiben bedeutete Lernen. Jede neue Rolle war gleichzeitig Studium und Hingabe. Fehler hatten Gewicht, weil Worte Gewicht hatten.

Er erzählt ruhig, ohne Pathos, und doch spüre ich, wie viel Stolz und Achtung in seinen Erklärungen liegt. Diese Palmrollen waren einst der Grund, warum Aluvihara so bedeutend wurde. Hier wurden die Lehren erstmals schriftlich festgehalten, aus der Erkenntnis heraus, dass nichts ewig mündlich bewahrt werden kann. Vergänglichkeit ist hier kein Feind, sondern Ausgangspunkt für Verantwortung.

Ich verlasse diesen Ort tief berührt. Die Höhlen haben mir Stille geschenkt, der Mönch Verständnis. Beides zusammen fühlt sich wie ein stilles Versprechen an. Wissen lebt nur weiter, wenn man es mit Achtung behandelt.

Ayubowan Gabriele 🙏

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