Ceylontee

 

Im Hochland sieht man rechts und links der Straße nichts als Teebüsche. Sanfte Hügel, ein sattes, fast leuchtendes Grün, darüber feuchte Luft, Nebelschwaden und kühle Brisen. Im Hochland Sri Lankas scheint alles genau so zusammenzukommen, wie es der Tee liebt. Und genau hier wächst Ceylontee, das Exportprodukt Nummer eins, weltberühmt. Auf unseren Fahrten durch diese Landschaft hatte ich oft das Gefühl, durch ein lebendiges Meer zu reisen. Die Teebüsche ziehen sich endlos über die Hügel, sauber geschnitten, rhythmisch, fast meditativ. Dieses Klima feucht, kühl und beständig ist ideal. Kein Wunder, dass die Engländer sich genau hier niedergelassen haben, als sie im 19. Jahrhundert begannen, Sri Lanka, damals Ceylon, zur Teeinsel zu machen. Kaffee hatte zuvor die Plantagen dominiert, bis eine Pilzkrankheit ihn zerstörte. Tee trat seinen Siegeszug an und blieb.

In einer Teefabrik lernen wir den Weg vom Blatt zur Tasse kennen. Frisch gepflückte, zarte Blätter, dann Walken, Rollen, Oxidieren und Trocknen. Ein präziser Prozess, bei dem Zeit, Temperatur und Erfahrung entscheiden. Beim Probierschluck beginne auch ich, Unterschiede zu schmecken, Silver Tips hell, fein, fast blumig. Orange Pekoe, kräftiger, malzig, karamellig. Tee ist hier keine Nebensache, sondern Handwerk, Tradition und Stolz. Draußen auf den Plantagen sehen wir die Pflückerinnen bei der Arbeit. Frauen, fast ausschließlich Frauen. In bunten Saris setzen sie leuchtende Farbtupfer in das endlose Grün. Die Bewegungen sind schnell, geübt und routiniert. Nur die obersten zwei Blätter und die Knospe alles andere ist wertlos. Was so leicht aussieht, ist harte körperliche Arbeit.

Auf der Farm werden wir mit „Ayubowan“ begrüßt, mögest du lange leben. Wir Frauen bekommen Kopftücher, dazu ein großes Tuch, das umgebunden wird. Ein Korb auf dem Rücken, festgezurrt. Dann pflücke ich selbst Tee, Blatt für Blatt. Nach einer Viertelstunde brennen mir Schultern und Hände. Ich habe plötzlich großen Respekt. Diese Arbeit ist monoton, anstrengend, schlecht bezahlt und doch die Grundlage für ein Produkt, das weltweit geschätzt wird. Die beste Pflückerin unter uns bekommt am Ende eine Dose Tee geschenkt. Ein kleiner, freundlicher Moment. Und gleichzeitig denke ich daran, wie viel ein Kilo hochwertiger Tee in Europa kostet und wie wenig bei den Frauen ankommt, die ihn pflücken.

Unterwegs erzählt unser Reiseleiter Ruwan offen über die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen. Viele Familien leben seit Generationen hier. Die Häuser sind einfach, die Löhne niedrig, die Arbeit hart. Es gibt Fortschritte, ja bessere Schulbildung, Gesundheitsprogramme und fairere Strukturen auf manchen Plantagen. Tee ist ein globales Geschäft, doch seine Wurzeln liegen in diesen Hügeln, bei diesen Frauen, in diesem Klima.

Für mich hat sich mein Blick auf Tee verändert. Jede Tasse trägt eine Geschichte in sich, von kolonialer Vergangenheit, von britischem Einfluss und von Ausbeutung und Anpassung, aber auch von Wissen, Landschaft und Ausdauer. Wenn ich heute Ceylontee trinke, sehe ich nicht nur die Farbe im Becher. Ich sehe Hügel im Nebel, bunte Saris im Grün, Körbe auf Rücken und ich spüre eine stille Achtung vor all dem, was darin steckt.

Ayubowan Gabriele 🙏

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