Noch vor wenigen Tagen saß ich in Kanada auf der Veranda und beobachtete Kolibris. Mit unglaublicher Leichtigkeit schwebten sie vor dem Geißblatt, hielten mitten in der Luft inne und tauchten ihren langen Schnabel tief in die Blüten. Es wirkte, als würden sie nicht nur Nektar trinken, sondern das Licht selbst aufnehmen. Diese Momente haben mich tief berührt. Immer wieder zog es meinen Blick zu diesen kleinen Wesen, deren Flügelschlag so schnell ist, dass er kaum wahrgenommen werden kann. Sie erinnerten mich daran, wie viel Schönheit in einem einzigen Augenblick verborgen liegt. Nun bin ich wieder zu Hause und gehe durch meinen Garten. Das Geißblatt blüht auch hier. Ich bleibe stehen und lächle. Es ist nicht der Kolibri, der vor den Blüten schwebt, es ist ein Taubenschwänzchen. Mit seinem schnellen Flügelschlag steht es genauso schwerelos in der Luft wie der Kolibri. Von Blüte zu Blüte fliegt es mit derselben Eleganz und derselben Hingabe. Für einen Moment habe ich das Gefühl, als hätte mich die Natur auf meiner Reise begleitet und würde mir nun sagen:
"Die Botschaft bleibt dieselbe. Nur der Bote hat sich verändert."
Wie oft suchen wir das Besondere in der Ferne. Wir reisen in andere Länder, bestaunen fremde Landschaften und glauben, dort den Zauber des Lebens zu finden. Doch wenn wir mit offenen Augen zurückkehren, erkennen wir, dass das Wunder längst auch vor unserer Haustür auf uns wartet.
Der Kolibri Kanadas und das Taubenschwänzchen Deutschlands gehören nicht derselben Tierfamilie an. Und doch haben sie etwas Erstaunliches gemeinsam. Beide schweben vor den Blüten, beide ernähren sich vom süßen Nektar und beide wirken wie kleine fliegende Wunder. Für mich sind sie zu Symbolen geworden. Sie erinnern mich daran, dass das Leben überall seine Zeichen hinterlässt. Dass die Natur in jeder Region ihre eigene Sprache spricht und uns dennoch immer dieselbe Wahrheit erzählt: Schönheit ist überall. Fülle ist überall. Verbundenheit kennt keine Ländergrenzen.
Vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Reisens. Nicht nur neue Orte kennenzulernen, sondern mit einem veränderten Blick nach Hause zurückzukehren. Erst dann entdecken wir, dass die Wunder nie weit entfernt waren. Heute trinkt das Taubenschwänzchen am Geißblatt in meinem Garten. Während ich ihm zuschaue, sehe ich gleichzeitig den Kolibri in Kanada vor mir. Zwei Kontinente, zwei unterschiedliche Geschöpfe und doch dieselbe Leichtigkeit.
Für mich ist das Taubenschwänzchen deshalb weit mehr als ein faszinierender Schmetterling. Er ist eine liebevolle Erinnerung des Universums. Eine stille Botschaft, dass Himmel und Erde überall miteinander verbunden sind.
Dass die Schöpfung unendlich kreativ ist und sich doch immer wieder selbst erkennt.
Und dass wir, wenn wir unser Herz öffnen, überall derselben Liebe begegnen ganz gleich, ob sie uns in Gestalt eines Kolibris oder eines Taubenschwänzchens entgegenfliegt.
Vielleicht sind wir alle auf einer Reise. Nicht von einem Land ins andere, sondern vom Sehen mit den Augen zum Erkennen mit dem Herzen.
Gabriele Baum
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