Dieser Tag in Istanbul begann stiller, als ich es erwartet hatte.
Der Weg nach Eyüp führte zunächst noch durch das geschäftige Leben der Stadt, doch schon die Fahrt mit der Seilbahn hinauf zum Pierre-Loti-Hügel veränderte etwas in mir. Während sich die Kabine langsam über Dächer und Gassen hob, wurde der Blick weiter und die Gedanken ruhiger. Oben angekommen lag das Goldene Horn ausgebreitet unter einem weichen Licht, Menschen saßen bei Tee zusammen, sprachen leise oder schauten einfach nur in die Ferne. In diesem Moment fühlte sich Istanbul nicht mehr laut an, sondern still und fast nach innen gekehrt. Der Wechsel auf die asiatische Seite des Bosporus war nur eine kurze Fahrt mit dem Boot, und doch hatte ich das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. In Üsküdar wirkte alles gelassener, langsamer, näher am Alltag der Menschen. Vom Ufer aus blickte ich auf den Mädchenturm, der ruhig im Wasser stand, und weiter hinüber zur europäischen Skyline. Zwei Kontinente lagen sich gegenüber, und doch fühlte es sich nicht wie Trennung an, sondern wie Verbindung. Besonders berührt hat mich die Sakirin-Moschee.
Zu wissen, dass ihr Inneres von einer Frau gestaltet wurde, machte den Raum für mich noch bedeutungsvoller. Das Licht fiel weich durch die Architektur, Linien wirkten klar und zugleich sanft. Ich spürte dort eine stille Offenheit, als würde sich Tradition behutsam in die Gegenwart hinein weiterentwickeln. Am Ufer des Bosporus öffnete der Beylerbeyi-Palast noch einmal eine ganz andere Welt. Ich ging durch die prunkvollen Räume, sah die feinen Verzierungen, die hohen Decken, den Blick hinaus auf das Wasser. Alles erzählte von der Macht der Sultane und gleichzeitig von ihrer Vergänglichkeit. Draußen fuhr ein Schiff vorbei, Stimmen klangen vom Ufer herauf, und mir wurde bewusst, wie sehr sich Zeit verändert, während Orte bestehen bleiben. Ganz anders fühlte sich danach Kadıköy an. Dort war plötzlich wieder Bewegung, junges Leben, Stimmen, Lachen. Auf dem Markt mischten sich Düfte von Gewürzen, frischem Gemüse und warmen Speisen. Ich ging langsam zwischen den Ständen hindurch, sah Menschen einkaufen, reden, essen ganz gewöhnlicher Alltag, und gerade deshalb so lebendig. In solchen Momenten wird eine Stadt für mich wirklich nah. Die Rückfahrt mit der Fähre über den Bosporus gehört zu den Bildern, die geblieben sind. Der Wind im Gesicht, Möwen über dem Wasser, die Altstadt mit ihren Kuppeln und Minaretten vor mir alles wirkte gleichzeitig weit und vertraut. Ich stand einfach nur da und schaute, ohne etwas festhalten zu wollen. Auch die Begegnung mit alter Handwerkskunst hat mich bewegt.
Zu sehen, wie aus unzähligen Knoten langsam ein Teppich entsteht, ließ mich an Zeit denken, an Geduld, an Hingabe. Dinge, die im schnellen Alltag so leicht verloren gehen und hier doch noch selbstverständlich sind. Und dann wieder der Bosporus selbst. Schiffe glitten vorbei, Brücken spannten sich über das Wasser, Paläste und Häuser zogen langsam am Ufer entlang. Ich hatte das Gefühl, dass diese Meerenge nicht nur zwei Kontinente verbindet, sondern auch etwas im Inneren Vergangenheit und Gegenwart, Bewegung und Stille.
Am Ende dieses Tages blieb kein einzelnes Bild zurück, sondern ein Gefühl. Ein Gefühl von Weite, von Begegnung, von leiser Verbundenheit mit einer Stadt, die sich nicht sofort zeigt, sondern Schritt für Schritt ihr Herz öffnet. Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich verstand, warum Istanbul so viele Menschen berührt. Weil man hier nicht nur Orte besucht, sondern sich selbst ein wenig begegnet.
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