Unser Ausflug in den Horton Plains National Park

 

Wir sind um vier Uhr morgens aufgestanden, noch schlaftrunken, aber voller Vorfreude. Die Fahrt durch die Dunkelheit hat etwas Meditatives schweigend, nur das leise Brummen des Motors, kommen wir unserem Ziel näher. In der Morgendämmerung kommen wir nach 2 Stunden Fahrt an, alles sieht aus wie verwunschen. Die Landschaft liegt still, eingehüllt in Nebel, als hätte sie noch nicht entschieden, ob sie sich heute ganz zeigen will. Staunend stehen wir in einer unglaublich schönen Weite.

Als erstes begrüßt uns eine Herde Sambarhirsche. Wunderschön und kraftvoll stehen sie da, völlig unbeeindruckt von uns, und grasen im feinen Morgennebel. Ich bin sofort ganz da, kein Gedanke an Zeit nur Gefühl und Wahrnehmen, nur Staunen. Diese Tiere strahlen eine ruhige Stärke aus, als gehörte ihnen dieser Ort seit Anbeginn, was ja auch stimmt.

Wir steigen aus und bleiben einen Moment einfach stehen. Ich atme tief ein. Der Duft der Natur ist überwältigend feucht, klar, kühl und vollkommen rein. Diese Reinheit, diese Klarheit geht direkt ins System, wie ein inneres Durchspülen. Ich merke, wie mein Körper sich entspannt und gleichzeitig wacher wird. Hier oben, im Horton Plains National Park, fühlt sich alles unverfälscht an.

Der Weg führt uns durch eine unglaublich vielfältige Botanik. Moose, Flechten, zarte Pflanzen, die nur hier oben überleben.

Wir erreichen den Nebelwald. Der Nebelwald hier oben ist kein gewöhnlicher Wald. Er ist ein lebendiges System, fein abgestimmt, empfindsam und von unschätzbarem Wert. Heute existiert davon nur noch etwa ein Prozent. Wenn ich das weiß und gleichzeitig durch diese feuchte, atmende Stille gehe, zieht sich in mir etwas zusammen. Dieser Wald ist ein Wasserspeicher, ein Klimaregulator, ein Schutzraum. Er sammelt die Feuchtigkeit aus den Wolken, hält sie fest, gibt sie langsam an Quellen und Flüsse ab. Ohne ihn gäbe es viele Wasserläufe im Tiefland schlicht nicht. Er schützt den Boden vor Erosion, er nährt unzählige Pflanzen, Insekten, Vögel und Tiere, die es nur hier gibt oder gab.

Ich empfinde diesen Wald wie ein Wesen mit eigener Intelligenz. Moose, Flechten, Pilze, Farne und knorrige Bäume leben hier in einer stillen Symbiose. Alles ist miteinander verbunden. Nichts wächst zufällig. Jeder Zentimeter erfüllt eine Aufgabe. Und genau das macht den Verlust so schmerzhaft. Dieser Wald lässt sich nicht ersetzen. Man kann ihn nicht einfach neu pflanzen wie eine Plantage. Er entsteht über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende.

Die Spuren der englischen Kolonialzeit liegen hier wie eine offene Wunde in der Landschaft. Aus wirtschaftlicher Arroganz wurden riesige Flächen abgeholzt, weil man glaubte, Gemüse, Tee und andere Nutzpflanzen anbauen zu müssen in einem Gebiet, das dafür nie gedacht war. Man hat diesen Ort behandelt, als wäre er leer, als hätte er keinen eigenen Wert. Für mich ist das ein klassisches Beispiel dafür, wie wenig Respekt damals vor natürlichen Systemen existierte. Was nicht unmittelbar Profit brachte, galt als nutzlos.

Besonders erschüttert mich die Geschichte einer kleinen damals seltenen Elefantenart, die es nur in dieser Region gab. Sie war an das Leben im Hochland angepasst, kleiner, zurückhaltender, Teil dieses sensiblen Ökosystems. 

Kaum vorstellbar heute und doch belegen Fossilienfunde eindeutig, dass es auf Sri Lanka früher mehrere Elefantenformen gab, darunter auch deutlich kleinere, an spezielle Lebensräume angepasste Tiere. In Hochlandregionen wie dieser lebten Elefanten, die kompakter waren, leichter, beweglicher, angepasst an kühleres Klima, steilere Wege und begrenzte Nahrung. Ihre Knochen und Zähne wurden an verschiedenen Orten der Insel gefunden und erzählen von einer Zeit, in der Natur noch ihre eigenen Regeln schrieb.

Diese Elefanten waren kein Irrtum der Evolution, sondern ein Wunder der Anpassung. Inselgigantismus und Inselverkleinerung sind natürliche Prozesse hier führte er zu kleineren Elefanten, die Teil eines empfindlichen Gleichgewichts waren. Und genau dieses Gleichgewicht wurde zerstört. Mit der Ankunft der Kolonialmacht begann die systematische Jagd. Elefanten galten als Trophäen, als Hindernis, als Bedrohung für Plantagen und Felder. Auch die kleineren Hochlandelefanten blieben davon nicht verschont. Innerhalb relativ kurzer Zeit verschwanden sie vollständig. Keine Legenden, keine Mythen einfach ausgelöscht.

Während ich durch den Nebelwald gehe, habe ich das Gefühl, dass dieser Ort sich erinnert. An das, was war und das, was verloren ging. Und vielleicht auch daran, wer heute noch bereit ist, leise zu gehen, hinzuschauen und zu fühlen. 

Wilde Hühner und bunt schillernde Hähne begleiten unseren Weg. Meist bleiben sie im Unterholz verborgen, aber ihre Rufe sind laut und präsent, fast so, als wollten sie uns sagen: "Ihr seid hier nur zu Gast". Das Rascheln, das Rufen und das Knacken unter den Füßen alles ist Teil dieses lebendigen Klangraums.

Plötzlich liegt mitten auf dem Weg Leopardenkot. Ganz frisch, ein kurzer Blick, dann wird es stiller in der Gruppe. Wir gehen leiser weiter, langsamer und mit geschärften Sinnen. Die Hoffnung ist da, vielleicht einem dieser scheuen Tiere zu begegnen. Gleichzeitig ist da auch Respekt denn es ist ihr Revier. Jeder unserer Schritt wird bewusster.

Der Weg ist anspruchsvoll. Teilweise geht es steil bergauf, dann wieder bergab. Ich spüre die Höhe bei jedem Atemzug. Wir bewegen uns hier oben auf etwa 2.100 bis 2.300 Metern, und am World’s End stehen wir fast bei 2.300 Metern über dem Meeresspiegel. Kein Wunder, dass die Luft so klar und kühl ist, dass jeder Gedanke langsamer wird. Der Körper arbeitet bewusster, der Atem wird tiefer. Diese Höhe verändert etwas innen wie außen. Das Licht ist feiner, die Farben wirken gedämpft und gleichzeitig intensiver. Hier oben in den Horton Plains National Park fühlt sich die Welt weiter an, stiller und fast entrückt vom Alltag. Ich spüre meinen Körper, spüre die Höhe über 2000 Meter und diese besondere Klarheit, die damit einhergeht. Der Weg fordert, aber er schenkt so viel zurück.

Riesige Baumfarne begleiten uns, ihre ausladenden Wedel wirken wie grüne Dächer. Manche scheinen uralt, als hätten sie Generationen von Nebeln, Regen und Stürmen gesehen. Immer wieder öffnet sich der Blick ins Tal. Die Aussicht ist unendlich weit und von einer stillen Schönheit, die mich fast ehrfürchtig macht. Wir können bis zum Indischen Ozean schauen. Ich stehe da, schweige, schaue und denke nichts. Genau das ist vielleicht das größte Geschenk dieses Ortes.

Am Ende dieser Wanderung fühle ich mich unendlich erfüllt. Die Horton Plains haben nichts von sich gefordert, sie haben mir Stille, Klarheit und Demut geschenkt. Ich nehme das Gefühl mit, einen Ort berührt zu haben, der größer ist als jede Erklärung.

Besonders dankbar bin ich für die Begleitung durch unseren Reiseleiter Ruwan Jayasekera. Mit seiner ruhigen Art, seinem feinen Gespür für die Gruppe und seinem unendlich großen Wissen hat er diese Wanderung zu etwas Besonderem gemacht. Er sieht nicht nur Pflanzen und Tiere, er kennt ihre Geschichten, ihre Zusammenhänge und ihre Bedeutung für dieses Land. Seine Erklärungen waren nie belehrend, sondern getragen von echter Liebe zu Sri Lanka und tiefem Respekt vor der Natur.

So gehe ich am Ende dieses Tages nicht nur mit Bildern im Kopf, sondern mit einem Gefühl von Dankbarkeit im Herzen. 

Ayubowan Gabriele 🙏

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