Schon beim Ankommen wurde mein Herz ruhig. Nicht still vor Staunen, sondern weit vor Vertrautheit. Etwas in mir öffnete sich, ohne dass ich es wollte oder verstand. Es war, als würde ich in einen Raum treten, in dem das Herz der Taktgeber ist. Sri Lanka fühlte sich nicht fremd an, es fühlte sich richtig an.
Diese Herzenergie war überall. Sie lag nicht nur in den Tempeln oder in stillen Momenten. Sie war im Gehen der Menschen, im Blick, im Abstand zwischen zwei Gesten. Nichts drängte, nichts zog. Alles war in einem weichen Fluss. Ich musste mich nicht schützen, nicht sammeln, nicht zusammenhalten. Mein Herz durfte offen bleiben.
Ich bewegte mich durch dieses Land, als würde ich durch ein großes, atmendes Herz gehen warm, tragend und wach. Und je länger ich dort war, desto mehr erinnerte sich mein eigenes Inneres an etwas, das es nie verloren hatte und doch vergessen schien. Je länger ich in diesem Land war, desto weniger wollte mein Herz zurück in alte Muster. Ich merkte, wie es sich wehrte gegen Enge, gegen das ständige Müssen, gegen die Schwere, die ich aus der westlichen Welt kenne. Dort war nichts davon notwendig. Das Leben floss, nicht weil es leicht war, sondern weil es nicht festgehalten wurde. Alles durfte kommen und gehen, Freude, Müdigkeit, Schmerz und Stille. Genau darin lag Frieden.
Der Buddhismus, den ich dort gespürt habe, war kein Gedanke, keine Lehre und kein Konzept. Er war eine Haltung. Alles ist vergänglich, lag wie ein weiches Tuch über allem. Nicht resigniert, nicht traurig sondern befreiend. Weil nichts verteidigt werden musste. Weil Leiden nicht genährt wurde durch Widerstand. Ich hatte das Gefühl, dass genau diese innere Erlaubnis den Menschen dort Kraft gibt. Nicht durch äußeren Wohlstand sondern durch inneren Raum. Immer wieder tauchte in mir die Frage auf, ganz leise und fast schmerzhaft.
Wie soll ich zurückkehren in eine Welt, in der so viel Angst spürbar ist? In der so viel Aggression unter der Oberfläche liegt? In der das Leben oft nur dann als wertvoll gilt, wenn es schwer ist?
Es gab Momente, in denen ich nicht wusste, wie mein Herz das aushalten soll. Wie ich nach dieser Weite, nach dieser Sanftheit, wieder in ein Deutschland zurückfinden kann, in dem so vieles eng, hart und überladen wirkt. Ein Land, in dem das Leiden oft unbewusst genährt wird, als gehöre es dazu. Als sei es der Preis um Dazugehören zu können.
Und dann kam der Abschied, still, ohne Drama, aber tief.
Ich habe Sri Lanka verlassen, doch etwas in mir ist geblieben. Oder vielleicht habe ich etwas mitgenommen, das sich nicht mehr ablegen lässt. Jetzt, drei Wochen später, lebt dieses Gefühl weiter. Es ist nicht verblasst, es ist tiefer geworden. Wie eine Sehnsucht ohne Ziel. Kein Weg-wollen, kein Zurück-wollen, sondern ein Erinnern. Mein Herz weiß jetzt, wie es sich anfühlt, wenn es nichts festhalten muss. Wenn es offen sein darf, ohne sich zu verlieren.
Manchmal, mitten im Alltag, mitten in meiner Arbeit, ist es plötzlich wieder da. Diese Weite im Brustraum. Diese stille Freundlichkeit dem Leben gegenüber. Dieses Wissen, dass alles kommen und gehen darf. Dass Vergänglichkeit kein Verlust ist, sondern Freiheit. Und dass Frieden nicht entsteht, weil alles gut ist, sondern weil nichts bekämpft wird.
Sri Lanka hat mir nichts beigebracht, es hat mich erinnert und diese Erinnerung lebt weiter in mir an jedem Tag.
Ayubowan Gabriele 🙏🙏🙏💖
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