Heute geht es zum heiligen Zahntempel in Kandy

 

Aus der Ferne schon dröhnen die Trommeln. Erst sind sie nur ein tiefes Vibrieren, kaum greifbar, dann werden sie mit jedem Schritt deutlicher, kraftvoller, bestimmender. Dieser Klang ist nicht laut im westlichen Sinn, er ist durchdringend. Er legt sich unter die Haut und findet seinen Weg ins Herz. Von allen Seiten strömen Menschen herbei, ganze Familien, alte Frauen, junge Männer, Kinder an der Hand ihrer Mütter. Viele tragen Lotusblüten, behutsam gehalten wie etwas Kostbares. Weiß, rosa oder zartviolett. Manche noch geschlossen, als warteten sie auf den richtigen Moment.

Ich bewege mich mit dem Strom in Richtung Zahntempel von Kandy, diesem heiligen Ort, der nicht nur UNESCO-Welterbe ist, sondern das spirituelle Zentrum des sri-lankischen Buddhismus. Es fühlt sich an, als würde der Weg selbst Teil des Rituals sein. Niemand drängelt, niemand eilt. Alles folgt einem stillen Rhythmus, der nicht von Uhren bestimmt wird, sondern von Hingabe.

Hier wird der linke obere Eckzahn Buddhas gehütet, bewacht von Mönchen, verborgen und doch allgegenwärtig. Für die Menschen ist er kein Symbol, sondern eine lebendige Verbindung zum Erwachten selbst. Allein dieses Wissen verändert meine Wahrnehmung. Die Luft ist schwer von Räucherwerk, warm, würzig, beinahe süß. Gebete liegen darin wie feine Schichten, die sich über Jahre, über Jahrhunderte angesammelt haben.

Wir mischen uns unter die Pilger. Ich stehe mitten im Geschehen, nicht als Beobachterin, sondern als Teil davon. Schulter an Schulter, Haut an Haut, getragen von dieser stillen Selbstverständlichkeit der Spiritualität die hier gelebt wird. Die Trommeln geben den Puls vor, Mönche rezitieren in gleichmäßigen, ruhigen Tonfolgen. Dazwischen das leise Murmeln der Menschen, Bitten, Dank, Wünsche, Loslassen. Niemand spricht laut, und doch ist alles voller Klang.

Das Ritual selbst bleibt geheimnisvoll. Es erklärt sich nicht, es will nicht verstanden werden. Es will erlebt werden und genau darin liegt seine Kraft. Ich merke, wie mein Denken langsamer wird. Ich bin ganz und gar in diesem Moment. Die Lotusblüte in meinen Händen fühlt sich plötzlich schwerer und bedeutungsvoller an. Als trüge sie mehr als nur eine Geste.

Mich berührt die Ernsthaftigkeit, mit der hier geglaubt wird, und zugleich die Sanftheit. Kein Pathos, keine Dramatik. Alles ist ruhig, getragen und würdevoll. Spiritualität zeigt sich hier nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Lebens. Etwas, das man nicht erklärt, sondern lebt.

Als ich den Tempel später wieder verlasse, klingen die Trommeln noch lange in mir nach. Nicht als Geräusch, sondern als Gefühl. Der Zahntempel ist für mich kein Ort des Sehens, sondern des Erinnerns. Ein Ort, der mich daran erinnert, wie still und kraftvoll Verbundenheit sein kann wenn man sich ihr einfach hingibt.

Ayubowan Gabriele 🙏

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.