Vollmond in Sri Lanka

 

Der Vollmond heißt hier Poya und jeder einzelne Vollmond im Jahr ist ein gesetzlicher Feiertag. An Poya verlangsamt sich Sri Lanka spürbar. Viele Geschäfte bleiben geschlossen, Alkohol wird nicht verkauft, das öffentliche Leben zieht sich zurück. Die Menschen tragen oft Weiß, gehen in die Tempel, meditieren, lauschen den Lehren Buddhas oder sitzen einfach still da. Der Ursprung liegt im Buddhismus. Man sagt, dass die entscheidenden Stationen im Leben Buddhas Geburt, Erleuchtung und Tod an Vollmondtagen stattfanden. Der Vollmond wird damit zum Erinnerungsraum. Nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als lebendige Einladung, achtsam zu leben, Mitgefühl zu üben und die Vergänglichkeit zu akzeptieren.

Und genau das berührt mich so tief. Vergänglichkeit wird hier nicht verdrängt, nicht bekämpft. Sie ist Teil des Lebens, sie macht nicht traurig, im Gegenteil. Dieses Denken nimmt dem Leiden viel von seiner Schwere. Es entsteht eine stille Zufriedenheit, die nicht aus Haben oder Leisten kommt, sondern aus innerem Einverstanden-Sein.

Der wichtigste Vollmondtag ist Vesak im Mai. Dann wird Buddhas Leben besonders geehrt. Tempel leuchten, Laternen erhellen die Straßen, Menschen verschenken Essen und Getränke, einfach so und ohne Erwartung. Es ist ein wunderbares Fest. Ich empfinde Poya als einen kulturellen Schatz. Ein Land, das sich jeden Monat kollektiv erlaubt, langsamer zu werden. Einen Tag, an dem Bewusstsein wichtiger ist als Produktivität. Für Reisende kann das ungewohnt sein weil manches geschlossen ist. 

Der Vollmond in Sri Lanka ist kein romantisches Postkartenmotiv. Er ist ein gelebter Rhythmus. Eine Erinnerung daran, dass das Leben mehr ist als Termine und To-do-Listen. Und vielleicht genau deshalb so heilsam.

Ayubowan Gabriele 🙏

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