Das Schul-System in Sri Lanka und ein Besuch im Schulzentrum der One World Foundation im Küstenort Ahungalla

 

Ab in den Süden und ich merke schon im Bus, wie sich die Stimmung verändert. Die Landschaft wird weicher, grüner, weiter. Palmen ziehen vorbei, dahinter glitzert immer wieder der Indische Ozean wie eine Erinnerung daran, dass das Leben hier näher am Elementaren ist: Wasser, Wind, Sonne und Regen. Und dann sind wir im Küstenort Ahungalla, beim Schulzentrum der One World Foundation, das von Studiosus unterstützt wird.

Was mir als erstes auffällt, ist nicht das Gebäude sondern die Blicke der Kinder. Diese Mischung aus Neugier, Schüchternheit und Mut. Kinder, die gelernt haben, sich zurückzunehmen und trotzdem sofort spüren, jetzt darf ich gesehen werden. Meine Enkelin, sie ist groß und blond war der Mittelpunkt für die Mädchen. Alle wollten ihre Haare anfassen. Sie strahlten so glücklich als sie es durften. 

Und als sie sich aufstellen, ist da dieses fast feierliche Gefühl, als würde etwas Größeres beginnen, obwohl es nur ein kleines Konzert ist. Sie singen, trommeln, klatschen und tragen mit kräftiger Stimme ein Lied vor. Manche schauen zwischendurch zu den Lehrerinnen, als bräuchten sie kurz die Bestätigung: „Ja, ich mache das richtig.“ Andere stehen da wie kleine Königinnen und Könige gerade, konzentriert und voller Stolz. Das Konzert ist nicht perfekt. Und genau das ist es, was mich so rührt. Es ist spürbar, wie viel innere Arbeit in diesem Moment steckt, sich trauen, vor Fremden zu stehen, sich zeigen, etwas geben. 

Hier in dieser Schule haben die Kinder einen sicheren Rahmen. Einen Ort, an dem man nicht nur funktionieren muss. Die Lehrerinnen sprechen offen über ihre Situation, sachlich und ruhig, ohne zu dramatisieren und ohne etwas schönzureden. Und mir wird sehr schnell klar, Unterstützung ist hier kein Zusatz und kein Luxus, sondern eine echte Voraussetzung, damit Schule überhaupt gelingen kann.

Wenn eine Schule regelmäßig Unterstützung bekommt können auch Hefte, Stifte, Lernmaterialien und Instrumente gekauft werden. Die Kinder können Uniformen tragen, ohne dass es für die Familie ein unlösbares Problem wird. Manchmal gibt es Programme, die zusätzliche Lernangebote ermöglichen wie Förderung, Nachhilfe oder Projekte die Selbstvertrauen aufbauen. Gerade in Regionen, in denen die Ressourcen knapp sind, kann so eine Hilfe den Unterschied machen zwischen ich falle zurück oder ich komme mit. UNICEF beschreibt genau diese Lernlücken zwischen Regionen und wie Materialien, Fortbildungen und kindgerechtes Lernen vor allem in ländlichen Schulen spürbar etwas verändern. 

Sri Lanka hat ein Bildungssystem, das offiziell als sehr stark gilt, weil Bildung traditionell einen hohen Stellenwert hat und der Staat viele Bildungswege ermöglicht. Das System ist klar strukturiert: Zuerst kommt die Primary School (Grundstufe), meist Klasse 1 bis 5. Danach folgen Middle/Junior Secondary (oft Klasse 6 bis 9) und dann Senior Secondary (Klasse 10 bis 11), die mit den nationalen Prüfungen (GCE O-Level) endet. Wer weitergeht, besucht Klasse 12 bis 13 und bereitet sich auf die A-Level-Prüfungen vor, die Grundlage für den Zugang zu Universitäten. 

Was viele nicht wissen, schon am Ende der Grundschule gibt es diese berühmte, optionale und extrem wettbewerbsintensive Prüfung, die Grade 5 Scholarship Examination. Sie wurde ursprünglich eingeführt, um besonders begabte Kinder auch aus armen Familien zu fördern, Stipendien zu vergeben und Zugang zu sehr guten Schulen zu ermöglichen. Heute ist sie für viele Familien ein riesiger Druckpunkt. Wer sehr gut abschneidet, kann an eine prominente bzw. besonders gut angesehene Schule wechseln. Wer nicht gut abschneidet, bleibt häufig im bestehenden System und spürt oft schon früh das Gefühl, Ich war nicht gut genug. Ich finde das emotional für Kinder in diesem Alter brutal, selbst wenn die Idee dahinter einmal sozial gerecht gedacht war.  Dieser Prüfungsfokus zieht sich später weiter. Das System ist stark examenorientiert  das bestätigen auch Analysen über das sri-lankische Bewertungssystem, Prüfungen entscheiden über Wege, Möglichkeiten und Status. 

Wenn du in Sri Lanka mit Eltern sprichst, merkst du schnell, dass Bildung nicht nur Schule ist, sondern eine ganze Familienstrategie: Wer vorankommen will, braucht gute Noten. Gute Noten brauchen oft zusätzliche Vorbereitung. Und genau daraus entsteht ein weiteres Thema, das die soziale Schere vergrößert, private Nachhilfe. In vielen Gegenden ist das fast normal geworden, besonders rund um die großen Prüfungen. Wer Geld hat, kauft mehr Vorbereitung – wer es nicht hat, muss hoffen, dass es auch so reicht. Studien diskutieren diese Ungleichheit und wie stark private Nachhilfe mit dem Prüfungssystem verwoben ist. Hinzu kommt, Sri Lanka ist sprachlich und kulturell vielfältig, und Unterricht findet je nach Region und Schule vor allem in Sinhala oder Tamil statt; Englisch ist wichtig, aber nicht überall gleich stark im Alltag verankert. In Städten gibt es oft bessere Zugänge zu guten Englischlehrerinnen, Laboren, Technik und zusätzlichen Angeboten. Auf dem Land, in kleineren Küstenorten oder benachteiligten Regionen fehlen häufiger qualifizierte Lehrkräfte. UNICEF beschreibt z.B. sehr konkret, dass qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer eher zu beliebten urbanen Schulen gehen und dass es gerade in Fächern wie Englisch und STEM (Mathe/Naturwissenschaften/Technik) Engpässe gibt. Und dann sind da die ganz praktischen Dinge, die oft niemand auf dem Foto sieht, zu große Klassen, zu wenig Material, Räume, die in der Regenzeit feucht werden und Wege, die weit sind. Eine Ressourcenerhebung aus Sri Lanka beschreibt, wie fehlende Ausstattung den Unterricht direkt stört. Lernen ist dann nicht nur Kopfsache, sondern eine tägliche Improvisation. Wenn ich all das im Hinterkopf habe, sehe ich die Kinder in Ahungalla noch einmal anders. Ich sehe nicht nur das süße Konzert. Ich sehe kleine Menschen, die in einem System groß werden, das Leistung stark über Prüfungen misst und gleichzeitig in manchen Regionen nicht die gleichen Startbedingungen bietet. Und ich sehe Lehrerinnen, die genau das ausgleichen wollen. Sie geben Stabilität, sie ermutigen, sie halten zusammen, was sonst auseinanderdriften würde. Für mich ist der Kern solcher Schulzentren und Unterstützungsprojekte nicht wir bringen etwas. Für mich ist es eher wir stärken etwas, das schon da ist. Neugier, Lernbereitschaft und Würde. Und wir nehmen ein Stück Last von Schultern, die viel zu jung sind für so viel Druck.

Als wir gehen, winken die Kinder. Manche lachen, manche wirken plötzlich wieder schüchtern, als wäre ihr großer Moment vorbei. Und ich denke, dieses kleine Konzert war vielleicht nur zehn Minuten lang. Aber das Gefühl von ich kann etwas, ich werde gesehen, ich bin wichtig das kann ein ganzes Leben lang wirken.

Ayubowan Gabriele

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