Wir waren am Indischer Ozean und schon allein dieser Name klang für mich wie ein Märchen, wie ein Versprechen aus einer anderen Zeit. Als wir dort standen, barfuß im warmen Sand, hatten wir das Gefühl, dass die Welt für einen Moment leiser wurde. Kein Müssen, kein Denken, nur dieses unendliche Blau, das sich bis zum Horizont erstreckt, und das rhythmische Atmen des Wassers. Ich habe lange einfach nur geschaut. Auf das Spiel der Wellen, auf das Licht, das sich ständig verändert, auf diese Weite, die etwas im Inneren öffnet. Der Ozean wirkte nicht wild, sondern weise. Kraftvoll, ja aber zugleich zutiefst mütterlich. Es war, als würde er alles halten können, was ich ihm still überlasse. Viele Strandabschnitte waren gesperrt hier hatten Schildkröten ihre Eier abgelegt. Und genau das hat mich tief berührt. Kein Lärm, kein Trubel, kein Mensch, der sich wichtiger nimmt als das Leben selbst. Ich empfand es als stilles Abkommen zwischen Mensch und Natur: Hier darf Neues entstehen. Ungestört. Geschützt. In seinem eigenen Rhythmus. Für mich war das ein heiliger Raum, auch wenn man ihn nur aus der Ferne betrachten durfte. Die Schildkröten, die an den Stränden Sri Lankas ihre Eier ablegen, kommen aus dem Indischer Ozean. Viele von ihnen legen über Jahre, manchmal über Jahrzehnte, gewaltige Strecken zurück. Sie leben die meiste Zeit im offenen Meer, fern von Küsten und Menschen. Erst wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, kehren die Weibchen zurück oft genau an den Strand, an dem sie selbst einst geschlüpft sind. Dieses Zurückfinden ist wissenschaftlich noch immer nicht vollständig geklärt. Man vermutet Magnetfelder, Strömungen oder Gerüche. Für mich bleibt es ein stilles Wunder. Wenn sie kommen, geschieht das fast immer nachts. Schwerfällig ziehen sie sich aus dem Wasser, graben mit großer Anstrengung eine Grube in den Sand und legen dort zwischen 80 und 120 Eier ab je nach Art. Danach bedecken sie das Nest sorgfältig, verwischen die Spuren und kehren ins Meer zurück. Es gibt kein Bewachen oder Zurückschauen. In diesem Moment ist alles dem Sand, der Wärme und der Zeit überlassen. Die Eier liegen dann etwa 45 bis 60 Tage im Sand. Die Temperatur entscheidet darüber, wie schnell sich die Embryonen entwickeln und sogar darüber, welches Geschlecht die Jungtiere haben. Wärmerer Sand bringt mehr Weibchen hervor, kühlerer mehr Männchen. Auch das fand ich beeindruckend: wie fein abgestimmt dieses System ist und wie sensibel es auf Veränderungen reagiert. Während dieser Wochen sind die Nester extrem gefährdet. Trittschäden, künstliches Licht, Hunde, Krähen, Monsunregen oder steigende Temperaturen können ganze Gelege zerstören. Deshalb werden viele Strandabschnitte abgesperrt oder von Schutzprojekten überwacht. Wenn die Jungtiere schlüpfen, geschieht das meist gemeinsam. Sie graben sich nach oben, oft nachts, weil es kühler und sicherer ist. Instinktiv orientieren sie sich am helleren Horizont über dem Meer. Doch künstliche Beleuchtung kann sie verwirren. Viele erreichen das Wasser nicht. Nur ein sehr kleiner Teil überlebt die ersten Tage. Das gehört zu ihrer Realität. Mich hat diese Nüchternheit berührt. Keine Verklärung, kein Märchen. Die Schildkröten sind keine sanften Symbole, sondern Überlebende eines uralten Zyklus. Diese gesperrten Strände waren deshalb für mich keine Einschränkung, sondern ein Zeichen von Respekt. Ein stilles Eingeständnis, dass Leben nicht immer sichtbar sein muss, um wertvoll zu sein.
Am frühen Morgen und gegen Abend wurde der Strand zu einem Paradies für Surfer. Wir haben ihnen zugesehen, wie sie auf den Wellen ritten, scheinbar mühelos, als wären sie Teil des Ozeans selbst. Dieses Einssein von Mensch und Wasser hatte etwas Meditatives. Kein Kampf, kein Bezwingen sondern eher ein Lauschen, ein Mitgehen und ein Vertrauen. Der Indische Ozean trägt, wenn man ihn lässt.
Besonders magisch waren die Abendstunden. Wenn die Sonne langsam tiefer sank, färbte sich der Himmel in Gold, Kupfer und Rosa. Das Wasser spiegelte diese Farben, als würde es sie sammeln und bewahren. In diesen Momenten hatte ich das Gefühl, dass Zeit keine Rolle mehr spielt. Alles war rund, vollständig und richtig.
Für uns war dieser Ort mehr als ein schöner Strand. Er war Erinnerung und Verheißung zugleich. Ein Ort, an dem das Alte Wissen der Erde noch spürbar ist. Wo Leben geschützt wird, wo Wellen Geschichten erzählen und wo die Seele ganz von selbst still wird.
Ich glaube, wer einmal so am Indischen Ozean gestanden hat, trägt dieses Meer für immer in sich weiter.
Mit Herz und Tiefe
Gabriele Baum
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